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Lerncoaching für die Gymiprüfung

Aufsatz schreiben
Weshalb realistische Beispiele motivieren – und Perfektion bremst
(Beispielaufsatz ZAP 2024)

Perfekte Vorbilder sollen motivieren – doch beim Aufsatzschreiben bewirken sie oft das Gegenteil. Lernforschung zeigt: Kinder lernen schneller und mit mehr Selbstvertrauen, wenn sie realistische Beispiele sehen statt makellose Mustertexte.

Warum Aufsätze mit Note 5 mehr bewirken als scheinbar unerreichbare 6er – und wie das den Lernweg deines Kindes entlastet und stärkt.

von: Sandra Zogg
Viele Eltern suchen nach perfekten Vorbildern, um ihr Kind im Schreibenlernen oder bei der Vorbereitung auf die Gymiprüfung zu unterstützen. Doch Lernforschung und Psychologie zeigen: Fehlerfreie Musteraufsätze wirken selten motivierend – sie setzen Kinder unter Druck und schaffen Distanz. Entscheidend für den Lernfortschritt ist nicht Perfektion, sondern ein realistischer, erreichbarer Standard.

Genau deshalb entfalten Musteraufsätze mit Note 5 oft mehr Wirkung als ein scheinbar unerreichbarer Text mit Note 6.
Beispielaufsätze Gymiprüfung (ZAP)

Warum perfekte Vorbilder demotivieren und Musteraufsätze mit Note 5 oft mehr bewirken

Gerade beim Aufsatzschreiben ist das besonders deutlich zu beobachten. Kinder, die kurz vor der Gymiprüfung stehen, vergleichen sich ständig: mit Klassenkameraden, mit älteren Geschwistern, mit «Vorzeigeaufsätzen» im Unterricht. Oft entsteht dabei ein Gefühl der Distanz – ein innerer Gedanke wie «Das kann ich nie so gut» oder «Ich bin einfach nicht der Schreibtyp.» und genau hier setzt die aktuelle Lernforschung an: Erfolg entsteht nicht durch die Bewunderung der Besten, sondern durch realistische Vorbilder, die zeigen, wie Lernen wirklich funktioniert – mit Umwegen, Fehlern und Überarbeitungen.

Was die Forschung zeigt

Zwei Studien der letzten Jahre verdeutlichen diesen Mechanismus eindrücklich:

1. Even Einstein Struggled (Lin-Siegler et al., 2016)
In dieser Untersuchung bekamen Schüler:innen Geschichten über berühmte Wissenschaftler:innen wie Albert Einstein oder Marie Curie zu lesen. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Die einen lasen Erfolgsgeschichten – glatte Biografien voller Genialität. Die anderen lasen dieselben Geschichten, aber ergänzt um Rückschläge, Zweifel, Misserfolge und Umwege auf dem Weg zum Erfolg.

Das Ergebnis war eindeutig: Wer auch von den Schwierigkeiten der Genies las, war deutlich motivierter und zeigte bessere Leistungen. Die Lernenden verstanden, dass auch die Grossen des Denkens kämpfen mussten – dass Rückschläge zum Lernprozess gehören und kein Zeichen von Unfähigkeit sind. Dieses Wissen stärkte die sogenannte Growth-Mindset-Haltung: Die Überzeugung, dass Fähigkeiten wachsen, wenn man dranbleibt, übt und reflektiert.

2. Discouraged by Peer Excellence (Rogers & Feller, 2016)
Ganz anders – und zugleich ergänzend – fiel das Ergebnis einer zweiten Studie aus. In einem grossen Online-Kurs mit über 5000 Teilnehmenden sollten Studierende die Arbeiten anderer bewerten. Wer dabei besonders brillante Beispiele sah, also Texte weit über dem eigenen Niveau, gab auffällig oft den Kurs auf.

Die Forschenden nennen das discouragement by peer excellence: Wenn der Leistungsunterschied zu gross ist, entsteht keine Motivation, sondern Resignation. Statt sich inspirieren zu lassen, ziehen sich viele Lernende zurück. Sie identifizieren sich weniger mit dem Fachgebiet und zweifeln an der eigenen Fähigkeit, jemals so gut zu werden.

Diese Ergebnisse zeigen deutlich: Vorbilder motivieren nur dann, wenn sie erreichbar wirken.

Übertragung auf den Aufsatzunterricht

Im Deutschunterricht – besonders in der Vorbereitung auf die Gymiprüfung – sehen wir denselben Effekt. Wenn Schüler:innen ausschliesslich perfekte Aufsätze (Note 6) lesen, kann das leicht entmutigend wirken. Sie sehen ein sprachlich brillantes, strukturell makelloses Endprodukt, aber nicht den Weg dorthin: Die Entwürfe, die Unsicherheiten, die Überarbeitungen. Das Bild, das bleibt, lautet: «So müsste man schreiben können – und ich kann es nicht.»

Dabei lohnt sich ein Blick auf die Realität des Unterrichts und der Gymiprüfung: Selbst ein Aufsatz mit Note 6 ist selten vollkommen fehlerfrei. Die Höchstnote wird sehr, sehr selten vergeben und steht für eine hervorragende Gesamtleistung – nicht für absolute Perfektion. Für viele Lernende wirkt sie trotzdem wie ein weit entfernter Standard, gerade weil sie das Endprodukt zeigt und nicht den Weg dorthin.

Ganz anders ist es, wenn sie einen Musteraufsatz mit Note 5 sehen. Er ist gut – inhaltlich schlüssig, sprachlich solide, klar gegliedert, aber nicht makellos. Und genau das macht ihn wertvoll. Lernende können sich darin wiederfinden und verstehen: «Das ist erreichbar und ich sehe konkret, was noch fehlt, um zur 6 zu kommen.»

Ein solcher Text zeigt, wie Fortschritt aussieht. Er ist nicht perfekt, aber deutlich besser als das, was man selbst gerade schreibt. Das schafft die ideale «Zone der nächsten Entwicklung» (Vygotsky): Eine Stufe, die mit etwas Übung erreichbar ist.

Was fehlt von Note 5 zu Note 6

Die Lehrpersonen bei GVZH arbeiten deshalb bewusst mit Aufsätzen, die solide sind, aber noch Luft nach oben lassen. Gemeinsam mit den Schüler:innen wird analysiert:

  • Wo ist der Text schon stark?
  • Welche Stellen könnte man sprachlich oder inhaltlich vertiefen?
  • Wie könnte man Übergänge, Gedanken oder Formulierungen verfeinern?
  • Welche Details würden die Geschichte lebendiger machen oder die Argumentation schärfen?
So entsteht kein Vergleich, der klein macht, sondern ein Prozess des Verstehens: Wie entwickelt man einen guten Text weiter? Wo beginnt Überarbeitung und wann wird sie wirksam?

Psychologisch betrachtet

Diese Vorgehensweise verbindet zentrale Prinzipien der Lernpsychologie:

  1. Erreichbare Vorbilder (Rogers & Feller, 2016): Motivation entsteht, wenn Lernende sich realistisch vergleichen können.
  2. Lernen durch Rückschläge (Lin-Siegler et al., 2016): Zu wissen, dass selbst Einstein gescheitert ist, reduziert Angst und erhöht Durchhaltevermögen.
  3. Growth Mindset (Dweck, 2006): Lernen ist ein Prozess, kein Talent. Fortschritt zählt mehr als Perfektion.
  4. Sichtbarer Lernweg (Hattie, 2012): Wenn Lernende den Weg zum Erfolg nachvollziehen können, steigt die Wirksamkeit des Unterrichts deutlich.
Diese Prinzipien wirken besonders stark, wenn Schülerinnen und Schüler aktiv einbezogen werden: Sie markieren selbst, was sich zwischen Entwurf und Endfassung verbessert hat, formulieren eigene Lernziele und reflektieren, wo sie im Schreibprozess stehen.

Beispielaufsatz zur Gymiprüfung (ZAP) 2024

Nachfolgend sehen Sie die Aufgabenstellung der Aufnahmeprüfung 2024 sowie einen möglichen Beispielaufsatz, der mit der Note 5 bewertet werden könnte. Damit Sie nachvollziehen können, was Ihrem Kind bereits gut gelingen kann und welche Entwicklungsschritte typischerweise noch zur Note 6 führen, finden Sie darunter ein ausführliches, übersichtlich strukturiertes Feedback.
Erzählung ZAP 2024


Das Gespräch hatte mich grosse Überwindung gekostet, aber danach fühlte ich mich erleichtert.

Erzähle eine Geschichte, die mit dem obigen Satz endet.

Erzähle im Präteritum und in der Ich-Form.
Gib die Nummer des Themas an und formuliere einen passenden Titel.

(hier geht es zum Original-Aufsatzhema)

Beispielaufsatz

Ein mutiger Schritt

Es war ein sonniger Montagmorgen, als ich in die Schule ging. Die Aufregung in meinem Bauch war kaum auszuhalten. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, mit meinem besten Freund Tim über etwas Wichtiges zu sprechen. Wir hatten uns in letzter Zeit oft gestritten und ich wollte, dass wir wieder gute Freunde werden.


In der ersten Stunde war ich so nervös, dass ich kaum etwas mitbekam. Der Lehrer hat etwas über Mathematik erklärt (Korrektur: erklärte), aber meine Gedanken sind nur um das, was ich Tim sagen wollte, gekreist (Korrektur: kreisten). Während der Pause habe ich schliesslich beschlossen (Korrektur: beschloss), ihn aufzusuchen. Ich fand ihn auf dem Schulhof, wo er mit anderen Kindern Fussball spielte. „Tim, können wir kurz reden?“, sagte ich und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen. Er schaute mich überrascht an und nickte. „Klar, was ist los?“, fragte er. Wir sind an den Rand des Schulhofs gegangen, wo es ruhiger war. „Ich habe das Gefühl, dass wir in letzter Zeit nicht mehr so gut miteinander auskommen. Ich möchte, dass das ändert, denn du bist doch eigentlich mein bester Freund“, gestand ich. Es war schwierig für mich, das anzusprechen, aber ich wusste, dass ich es tun musste.

Tim sah mich an und dachte kurz nach. „Ich wollte das auch schon lange sagen. Ich finde, wir sollten versuchen, den Streit zu vergessen und uns wieder zu versöhnen.“ Das hörte sich gut an und ich spürte, wie ein schwerer Stein von meinem Herzen fiel. Nach unserem Gespräch fühlte ich mich viel besser. Wir lachten und redeten wieder wie früher.

Ich wusste, dass es wichtig war, offen über meine Gefühle zu sprechen. Ich war froh, den Mut gefunden zu haben, das Gespräch zu führen. Von diesem Tag an wollte ich immer ehrlich mit Tim sein. Das Gespräch hatte mich grosse Überwindung gekostet, aber danach fühlte ich mich erleichtert.

Feedback übersichtlich aufgelistet:

Aufbau & Länge
  • Du hast Einleitung, Höhepunkt und Schluss – super, die Struktur stimmt.
  • Achte darauf, dass der Hauptteil mindestens 1 Seite lang ist.
  • Dein Hauptteil ist noch etwas kurz. → Idee: Schreibe genauer, worüber du mit Tim sprechen willst. Gab es einen bestimmten Vorfall? Was ist vorher passiert?

Spannung & Höhepunkt
  • Dein Hauptteil wird immer spannender - das ist sehr gelungen.
  • Die Redewendung „Mir fiel ein Stein vom Herzen“ passt sehr gut zum Höhepunkt.
  • Baue im Höhepunkt noch mindestens zwei Sinneseindrücke ein (hören, fühlen, sagen, …)
Zum Beispiel:
  • Tim sah mich an und dachte kurz nach. Die Pause, bis Tim endlich etwas dazu sagte, fühlte sich für mich ewig an. Im Hintergrund hörte ich schon die Stimme von Julian und Alfi, wie sie nach uns riefen.
  • Ich fühlte Tims warme Hand an meiner Schulter und so liefen wir Arm in Arm zurück zu den anderen Jungs aus der Klasse.

Adjektive & Beschreibung
  • Baue mehr Adjektive ein, um:
– Die Person,
– ihre Gefühle
– und die Umgebung genauer zu beschrieben.

  • So wird deine Geschichte noch lebendiger und man kann sich alles besser vorstellen.

Umgebung & «Ich»-Person
  • Beschreibe die äusseren Umstände noch genauer:
– Wo seid ihr genau? (z.B. Schulhof, Ecke beim Fussballplatz, neben der Turnhalle …)
– Wie ist das Wetter? (z.B. sonnig, windig, kalt, heiss …)

  • Das „Ich“ sollte klarer werden:
– Wie alt bist du?
– In welcher Klasse bist du?
– Vielleicht ein kurzer Satz in der Einleitung dazu.

Satzanfänge variieren
  • Du schreibst in der Ich-Form. Dabei ist es dir passiert, dass viele Sätze mit „Ich“ beginnen.

  • Versuche, deine Satzanfänge stärker zu variieren:
– Mit einem Adjektiv: „Kurz darauf fand ich ihn auf dem Schulhof.“
– Mit einer Zeitangabe: „Am nächsten Tag wartete ich schon auf dem Pausenplatz.“
– Mit einer Gefühlsbeschreibung: „Nervös und unsicher stand ich neben ihm.“

Schluss & Bezug zur Einleitung
  • Versuche im Schluss wieder Bezug zur Einleitung herzustellen.
  • So wirkt die Geschichte abgerundet.
Zum Beispiel:
„Meine Nervosität war verflogen und wir genossen den Rest der Pause. Das sonnige Wetter nutzten wir, um gegen die anderen Fünftklässler einen Fussballmatch zu spielen, wie wir das früher auch immer taten.“

Direkte Rede
  • Du hast die direkte Rede schon ein paar Mal richtig verwendet – sehr gut.
  • In Zukunft solltest du versuchen, alle drei Varianten mindestens einmal einzubauen:
– Er schaute mich überrascht an und sagte nickend: „Klar, was ist denn los?“
– Klar, was ist denn los?“, sagte er nickend.
– „Klar“, sagte Tim nickend, „was ist denn los?“

Zeitform & Rechtschreibung
  • Schreibe den ganzen Aufsatz konsequent im Präteritum.
→ Im Hauptteil bist du ein paar Mal ins Perfekt gerutscht.

  • Dieser Beispielaufsatz weist keine Rechtschreibfehler auf.
Fazit

Wer Schülerinnen und Schüler wirklich beim Aufsatzschreiben fördern will, sollte nicht das perfekte Endprodukt in den Mittelpunkt stellen, sondern den Weg dorthin. Ein guter Beispielaufsatz mit Note 5 ist ein idealer Lernanker: nachvollziehbar, motivierend und realistisch erreichbar. So entsteht echtes Growth Mindset, weniger Druck – und deutlich mehr Lernfortschritt.
Kurz gesagt: Perfektion macht Druck. Entwicklung motiviert. Und genau das macht den Unterschied im Deutschunterricht und bei der Gymiprüfung.

Wir würden uns freuen, Ihr Kind genau auf diesem Lernweg begleiten zu dürfen – Schritt für Schritt, realistisch, motivierend und mit einem klaren Blick auf die persönliche Entwicklung.

Beste Grüsse
Sandra Zogg

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Quellen

Lin-Siegler, X., Ahn, J.N., Chen, J., Couch, B., & Freeman, J. (2016). Even Einstein Struggled: Effects of Learning About Great Scientists’ Struggles on High School Students’ Motivation to Learn Science. Journal of Educational Psychology, 108(3), 314–328. https://doi.org/10.1037/edu0000092

Rogers, T., & Feller, A. (2016). Discouraged by Peer Excellence: Exposure to Exemplary Peer Performance Causes Quitting. Psychological Science, 27(3), 365–374. https://doi.org/10.1177/0956797615623770

Dweck, C. S. (2006). Mindset : The New Psychology of Success. New York : Random House.

Vygotsky, L. S. (1978). Mind in Society. Harvard University Press.

Hattie, J. (2012). Visible Learning for Teachers.Routledge.
Über uns
  • Wir sind das Kompetenzzentrum für die Gymivorbereitung im Kanton Zürich.
  • Bei uns unterrichten nur ausgebildete Lehrpersonen mit langjähriger Erfahrung rund um den Übertritt.
  • Als kleines Lehrer:innen-Team ist für uns eine enge Betreuung zentral, weshalb wir auch ausserhalb der Kurszeiten für unsere Schüler:innen stets da sind.
  • Struktur und Organisation sind fürs Gymnasium entscheidend – wir geben dies mit auf den Weg.
  • Wir fördern die Selbstständigkeit sowie Eigenverantwortung Ihres Kindes und informieren Sie laufend über dessen Lernstand.
  • Freude und Begeisterung sind uns wichtig.
  • Wir begleiten Ihr Kind nicht nur fachlich, sondern auch mental auf dem Weg zur Gymiprüfung.
Unsere Kursstandorte
Unsere Kursstandorte befinden sich immer an sehr zentralen Lagen, welche ideal mit dem ÖV erreichbar sind. Unsere Schüler und Schülerinnen erwarten moderne Räumlichkeiten, welche mit den neusten Medien ausgestattet sind.
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